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Beim Abbiegen übersehen?

Sprache ist verräterisch - gerade in Polizeimeldungen verbirgt sich eine ausgeprägte Autofahrer-Mentalität. Dies erfuhren Schüler:Innen bei einem Workshop in Wolfenbüttel.

"Wenn in einer Zeitungsmeldung steht, dass jemand "beim Abbiegen übersehen" wurde, dann ist das in der Regel gelogen." So formulierte es Michael Link, Redakteur eines Fachmagazins und Beisitzer im VCD Niedersachsen in einem Workshop mit 51 Schülerinnen und Schülern der zwölften Jahrgangsstufe des Theodor-Heuss-Gymnasiums in Wolfenbüttel.

Der Workshop fand Anfang Mai im Rahmen der NDR-Veranstaltungsreihe "Journalismus macht Schule" statt und sollte über Fake-News, das richtige Recherchieren und das Berufsfeld informieren. Dabei ergab sich eine günstige Gelegenheit, interessante Einsichten über die Sprache in Zeitungsartikeln bei Unfällen zu erarbeiten.

Meldungen sezieren
Spannend war dazu ein Praxis-Experiment: Hierfür nutzte der Redakteur eine tagesaktuelle Pressemitteilung des Blaulichtportals. Von dort beziehen zahlreiche personell prekär aufgestellte Zeitungsverlage, Anzeigenblätter und News-Portale ihre Unfallmeldungen, oft in typischem Polizeideutsch verfasst. Die Meldung wurde per Beamer an die Wand der Aula geworfen, in dem der Workshop coronabedingt mit den entsprechenden Schutzvorkehrungen lief. 

Die Schülerinnen und Schüler hielten die Meldung zunächst ihrer Erwartung an eine neutrale Berichterstattung tatsächlich für neutral. Erst beim Sezieren der Sätze setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Sprache in solchen Meldungen in der Regel die Sichtweise aus der Windschutzscheibenperspektive Autofahrender widerspiegelt. 

Wenn es beispielsweise heißt: "Ein Radfahrer / eine Fußgängerin wurde beim Abbiegen übersehen", dann macht sich die Meldung bereits den Entschuldigungsversuch von Verursachenden zu eigen. Tatsächlich müsste es in den meisten Fällen heißen: "Eine Autofahrerin missachtete die Vorfahrt (den Vorrang) des Radfahrers". Von "Übersehen" kann vielfach ohnehin nicht die Rede sein, denn typischerweise werden Radfahrende vorm Abbiegen zuerst überholt und das schließt ein, dass diese dabei auch gesehen werden. 

Ironisierend spitzte Link zu: "Wenn man schon unangebracht Formulierungen benutzt, die nahelegen, dass die Polizei Menschen in die Köpfe sehen kann, dann wäre allenfalls die Formulierung: 'Àutofahrer hat eben überholten Radfahrer schon wieder vergessen" angebracht.'" 

Immer selbst schuld!
 Der Redakteur legte dar, dass sich die Opfer im Meldungsdeutsch der Polizei  stets selbst aktiv die Verletzungen zuziehen. Einmal sensibilisiert, kamen die Schülerinnen und Schüler selbst darauf, dass die Formulierung, dass das Opfer keinen Helm getragen hat, nichts an der Unfallursache ändert und eher dazu führt, dass Leser und Leserinnen Opfern wenigstens eine Teilschuld an Geschehnissen geben.

Das Erstaunen war groß, dass sowas von einer Institution stammt, die doch eigentlich neutral und im besten Sinne rechtsdurchsetzend für alle Verkehrsteilnehmer:innen tätig sein sollte. Für Journalist:innen bedeutet dies, Pressemitteilungen stets mit Skepsis zu begegnen und sehr kritisch auf Formulierungen zu achten. Wenn derlei Meldungen dennoch vielfach so publiziert werden, sollte das ein Alarmsignal sein, denn dann haben Journalist:Innen ihren Job nicht gemacht. Link verwies auch auf positive Tendenzen. Einige Polizeimeldungen seien nun deutlich neutraler abgefasst - möglicherweise reagieren die Pressestellen hier auf den Gegenwind in Form von kritischen Rückmeldungen.

Nicht bloß zusehen! 
Aus der Diskussion entstand der Impuls, selbst mehr dafür sorgen zu wollen, dass Verkehr stets für alle gedacht werden muss. Der Redakteur empfahl, selbst lokal für Verbesserungen tätig zu werden und sich in Vereinen oder Initiativen zu engagieren und nannte einige Möglichkeiten dazu.

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