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Pressemitteilung: VCD fordert neue Initiativen zur Reaktivierung von Bahnstrecken

05.02.2019 Hannover. Unter dem Titel »Neue Ansätze für die Reaktivierung von Bahnstrecken im ländlichen Raum« hatte der niedersächsische Landesverband des ökologischen Verkehrsclubs VCD zum 5. Netzwerktreffen Reaktivierung nach Hannover eingeladen. “Diesmal lagen so viele Anmeldungen vor, dass gar nicht alle Interessierten teilnehmen konnten. Gäste und Referenten kamen nicht nur aus Niedersachsen und Bremen, sondern auch aus Schleswig-Holstein, dem Saarland, Hessen, Sachsen, Nordrhein-Westfalen und Berlin. Dass das Interesse an weiteren Streckenreaktivierungen sehr groß ist, sollte der niedersächsischen Landesregierung nicht verborgen bleiben. Die Rahmenbedingungen für die Reaktivierung von Eisenbahnstrecken in der Fläche müssen dringend verbessert werden”, so VCD-Landesvorsitzender Hans-Christian Friedrichs.

In seiner einführenden Moderation machte Dr. Wolfgang Konukiewitz deutlich, dass auch das Problem, vor dem alle Initiativen stehen, nicht auf ein Bundesland beschränkt ist. Dies sei die Nutzen-Kosten-Untersuchung, die für alle Bahnstrecken im ländlichen Raum, die zur Reaktivierung anstehen, eine fast unüberwindbare Hürde darstellen, weil die Standardisierte Bewertung Vorhaben im verdichteten städtischen Raum im Blick hat. Der Wert von Vorhaben im ländlichen Raum könne damit nicht ermittelt werden. Diese Erkenntnis sei inzwischen bei allen Initiativen angekommen und müsse bei ihren Bemühungen berücksichtigt werden.

Sehr beeindruckend war der Bericht von Karl Hermann Schorn, dem 1. Vorsitzenden des Fördervereins Wisentatalbahn e. V. Diese verkehrt auf einer Bahnstrecke zwischen Thüringen und Sachsen. Sie wird nach dem Modell der »Bürgerbahn« betrieben, das heißt alle Aktivitäten werden ehrenamtlich durchgeführt. Das betrifft sowohl die Gleisanlagen, als auch die Fahrzeuge und den Betrieb. Der Verein ist so aufgestellt, dass er die erforderlichen Arbeiten leisten kann.

Der Erste Kreisrat des Landkreises Lüneburg, Jürgen Krumböhmer, stellte die Bemühungen des Landkreises zur Reaktivierung der Bahnstrecken Lüneburg - Bleckede und Lüneburg - Soltau vor. Die Politik des Landkreises greift somit die durch die »Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg« (AVL) geleisteten Vorarbeiten auf. Krumböhmer machte auch bemerkenswerte Ausführungen zum Problem der Standardisierten Bewertung. Es wurde deutlich, dass diese dadurch, dass sie den städtischen Raum in seiner Entwicklung enorm begünstige, die Unterschiede zwischen Stadt und Land immer weiter vergrößere und damit auch die Probleme in den jeweiligen Räumen. Es zeige sich aber, dass die Städte keinerlei Interesse an einer Veränderung der Bedingungen haben. Krumböhmer machte auch konkrete Vorschläge, wie das Problem entschärft und die Standardisierte Bewertung dem ländlichen Raum dadurch gerechter werden könnte.

Einen ganz anderen Weg gehen die Akteure der »ILE-Region Moorexpress-Stader Geest«, deren Vorstellungen der Samtgemeindebürgermeister der Samtgemeinde Fredenbeck, Ralf Handelsmann, darlegte. Auch hier hat die Politik die ehrenamtlichen Vorarbeiten an der Bahnstrecke Osterholz-Scharmbeck – Stade von Arbeitsgemeinschaft Moorexpress und Förderverein Moorexpress aufgegriffen. In der Region sollen die vorhandenen touristischen Verkehre auf der Bahnstrecke Bremervörde – Stade in Richtung eines normalen Schienenpersonennahverkehrs erweitert werden. Die Bedingungen dafür seien zur Zeit günstig und sowohl die Kommunen als auch die Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser GmbH (EVB) wollen das Projekt finanziell unterstützen.

Am weitesten in seinen Bemühungen ist bisher der Lumdatalbahn e. V. gekommen, wie Christa Becker, Manfred Lotz und Malte Eiff aus dem Vorstand berichteten. Die Landrätin des hessischen Landkreises Gießen, Anita Schneider, habe bereits im Januar 2017 erklärt, dass das bisherige standardisierte Verfahren zur Kosten-Nutzen-Untersuchung, welches nicht ausreiche, um die Reaktivierung der Lumdatalbahn in Gang zu setzen, nicht mehr angewendet werde. Daraufhin wurden jetzt Planungen beschlossen, verschiedene Kriterien wie Bevölkerungsentwicklung mit Bahn, Umwelt, Tourismus und Nachhaltigkeit zu berücksichtigen. Die Reaktivierung ist für das Jahr 2023 vorgesehen.

Im letzten Teil der Veranstaltung kamen die Wissenschaftler zu Wort. Dr. Bernd Seidel aus dem Vorstand der Deutschen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft (DVWG) stellte die Vorteile dar, die der Baustandard für nichtbundeseigene Eisenbahnen bietet, der für die zu reaktivierenden Bahnstrecken für die Ermittlung der Kosten von Bedeutung sein kann. Prof. Dr. Volker Stölting von der Technischen Hochschule Köln erläuterte in seinem Referat die Spielräume, die auch in der bisherigen Fassung für die Bewertung der Bahnstrecken im ländlichen Raum gegeben sind.

Zum Schluss der Veranstaltung machte Dr. Wolfgang Konukiewitz für den VCD deutlich, welche Schlussfolgerungen für die Politik aus der Veranstaltung gezogen werden müssen:

  1. Neubearbeitung der zu reaktivierenden Bahnstrecken im Blick auf die Standardisierte Bewertung unter Mitarbeit der örtlichen Akteure,

  2. integrierte ländliche Entwicklung für Regionen mit zu reaktivierenden Bahnstrecken nach dem Muster von LEADER und ILE (Förderprogramme des Landes und der EU) und

  3. Einrichtung einer Fachgruppe im Landtag zum Thema Bewertung von Bahnstrecken im ländlichen Raum.

Rückfragen:
Hans-Christian Friedrichs • Fon 0160 5541402
Dr. Wolfgang Konukiewitz • Fon 0157 37370665
VCD-Landesverband Niedersachsen • www.vcd-niedersachsen.de

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