Elbe-Heide
An 400 Standorten in ganz Deutschland wurde gemessen. In Niedersachsen liegt Lüneburg ganz vorn – was die Stickoxid-Belastung durch den Verkehr betrifft. Die Hansestadt liegt damit teils erheblich vor deutlich größeren Städten wie Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Osnabrück und Göttingen. Es besteht dringender Handlungsbedarf.
An 400 relevanten Standorten in ganz Deutschland hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) im Oktober 2025 die Stickstoffdioxid-Belastung gemessen. Die Ergebnisse für Lüneburg sind alarmierend: Mit einem Mittelwert von 24,6 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft führt die Hansestadt die unrühmliche Rangliste für Niedersachsen und Bremen an – und liegt teils erheblich vor deutlich größeren Städten wie Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Osnabrück und Göttingen. Im bundesweiten Vergleich belegt Lüneburg Platz 25.
Die Messstation befand sich in Höhe der Schießgrabenstraße 16. Hier waren nach Angaben der ADFC-Zählstation an Spitzentagen im März 2025 über 25.000 Kfz unterwegs. Die extreme Verkehrsbelastung schlägt sich unmittelbar in der Luftqualität nieder und belastet Anwohnende, Radfahrende und zu Fuß Gehende.
Besonders bitter: Lüneburg trug bis in die frühen 1990er Jahre das Prädikat „Luftkurort“, das 1976 verliehen wurde. Die Aberkennung dieser Auszeichnung markiert eine bedenkliche Entwicklung, die sich nun in den aktuellen Messdaten widerspiegelt.
Stickstoffdioxid (NO2) reizt die Atemwege, kann Asthma verschlimmern und steht in Verbindung mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Besonders gefährdet sind Kinder, ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen. Die EU hat daher beschlossen, den derzeit viel zu hohen NO2-Grenzwert von 40 auf 20 µg/m³ im Jahresmittel zu halbieren. Das liegt immer noch über dem Richtwert von max. 10 µg/m³, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, um schädliche Gesundheitswirkungen möglichst zu vermeiden.
Die Stadt Lüneburg steht nun vor der Herausforderung, wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität zu ergreifen. Folgende Schritte sollten zeitnah umgesetzt werden:
Tempolimits in stark belasteten Bereichen können schnell zu messbaren Verbesserungen führen. Eine Reduzierung auf Tempo 30 in der Schießgrabenstraße würde die NO2-Belastung senken, Lärm reduzieren und die Verkehrssicherheit erhöhen. Das wurde bereits 2024 im Lärmaktionsplan als kurz- bzw. mittelfristige Schutzmaßnahme benannt.
Die konsequente Verlagerung des Verkehrs auf den Umweltverbund – Rad-, Fuß- und öffentlicher Verkehr – bietet erhebliches Potenzial. Die Entwicklung zu einer fußgänger- und fahrradfreundlichen Stadt und der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs können den Autoverkehr spürbar reduzieren.
Das sollte Hand in Hand gehen mit Anpassungen der Infrastruktur zur schrittweisen Verbesserung von Geh- und Radwegen. Die Schießgrabenstraße ist ein Paradebeispiel für eine autozentrierte Straßengestaltung: vier Fahrspuren für den Autoverkehr, eine Parkspur und nur noch wenig Restplatz für einen viel zu schmalen, einseitigen Radweg und einen Gehweg. Der VCD Elbe-Heide fordert schon lange eine Umgestaltung, um ausreichend Platz für den Radverkehr in beide Richtungen zu schaffen.
Auch die Förderung der Elektromobilität kann mittelfristig zur Verbesserung der Luftqualität beitragen. Privilegien wie kostenlose Parkplätze, Zufahrtsberechtigungen für Umweltzonen oder vergünstigte Anwohnerparkausweise können Anreize zum Umstieg schaffen. Allerdings: Bei 25.000 Fahrzeugen täglich bleibt die Schießgrabenstraße auch mit E-Antrieben eine überlastete Straße. Elektromobilität kann daher nur ein Baustein sein, nicht die Lösung des Problems.
Langfristig sollte Lüneburg eine ambitionierte Mobilitätswende anstreben, die die Innenstadt weitgehend vom Durchgangsverkehr befreit. Andere Städte zeigen, dass hohe Lebensqualität und gute Erreichbarkeit auch mit deutlich weniger Autoverkehr möglich sind.
Die Messergebnisse der DUH sind ein Weckruf. Die verkehrspolitischen Entscheidungen der kommenden Jahre werden darüber entscheiden, ob es der Hansestadt gelingt, die Luftqualität zu verbessern, oder ob sich Lüneburg weiter in der Liste der am stärksten belasteten Städte etabliert. Für die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger – und vielleicht eines Tages für die Rückkehr des Prädikats „Luftkurort“ – lohnt sich der Einsatz.